Geschäftsstelle der Studienkommission für Hochschuldidaktik an Fachhochschulen in Baden-Württemberg

Störungen(!)

 
 
Konflikte und schwierige Situationen erfolgreich meistern 
 
 
Störungen und ihre Bearbeitung haben Vorrang!
 
 
Im Zusammenhang mit dem heutigen Lehr-Lern-Prozess an Hochschulen ist es bedeutsam, dass Sie – soweit möglich – die persönlichen Bedürfnisse der Studierenden berücksichtigen und etwaige Störungen nicht unterdrücken, sondern thematisieren, damit die Ursachen angesprochen und Probleme gemeinsam gelöst werden können. Wenn auch für die Bearbeitung einer Störung gelegentlich mehr Zeit (als vorher abzusehen war) aufgewendet werden muss, so ist dies keine "verlorene Zeit", weil die Gruppe sich in der Regel anschließend um so konzentrierter ihren Aufgaben widmen kann.

Konflikte signalisieren oftmals, dass möglicherweise organisatorische Schwachstellen vorliegen oder grundlegende Bedürfnisse einzelner Gruppenmitglieder nicht beachtet werden. - Die anschließende Tabelle bietet im Rahmen der Hochschuldidaktik mögliche Lösungsstrategien beim Umgang mit Konflikten:
 
 
Konflikt / schwierige Situation
Mögliche Lösungsstrategie
 
Desinteresse
 
Plötzliches Absacken der Stimmung unter den Studierenden, schleppende, träge, lustlose Gespräche.
 
Offene Kommunikation kann helfen einander besser zu verstehen und Energie für eine konstruktive Arbeit freizumachen.

Lehrende: Ich habe das Gefühl, dass das Interesse der Gruppe gesunken ist.
 
 
Nebensachen
 
Verlust des "Roten Fadens" durch Diskussion zu vieler Nebensächlichkeiten.
 
Augenblicklichen Stand klären und Vorschläge zur Weiterarbeit machen (freundlich aber bestimmt, längere Verfahrensdiskussionen vermeiden, gewichtige Einwände ernst nehmen).

Lehrende: Gut, danke für den Beitrag. Was war die Ausgangsfrage?
 
 
Meinungsverschiedenheiten
 
Gefahr bei kontroversen Meinungen innerhalb einer Diskussion: langwierige Debatten ohne brauchbare Ergebnisse.
 
Meinungsverschiedenheiten offen ansprechen und diese eventuell schriftlich fixieren (der visuelle Ausdruck nimmt häufig der Debatte die Schärfe).

Lehrende: Lassen Sie uns zu diesem kritischen Punkt die verschiedenen Positionen überdenken, und zwar...
 
 
Passivität
 
Nachlassende Beteiligung der Studierenden am Thema.
 
Den zur Diskussion stehenden Sachverhalt durch Visualisierung (Graphiken, Schaubilder), provokante Thesen oder neue Unterthemen wieder in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses heben.
 
Lehrende: Was halten Sie denn von dieser unglaublichen Behauptung / Rechtsauffassung / Unternehmensstrategie / technischen Planung / ...

Zum letzten von der Mehrzahl der Studierenden noch verstandenen Punkt zurückkehren (bei Überforderung).

Stoffdichte erhöhen (bei Unterforderung).
 
 
Alleswisser / Vielredner
 
Fundiertes Wissen eines Studierenden stellt zwar eine Bereicherung dar; allerdings besteht die Gefahr, dass er eine zu dominante Rolle einnimmt.
 
Empfehlung, die ein oder andere Wortmeldung zu übergehen. Sollte er zu langem Reden neigen, unterbricht man ihn höflich und mit Diplomatie (in einer Pause kann man ihn auch bitten, sich etwas zurückzuhalten, um auch anderen "schwächeren" Teilnehmern Raum für ihre Beiträge zu geben).

Lehrende: Herr/Frau X, bitte fassen Sie Ihren Beitrag in einem abschließenden Satz zusammen.
 
 
Opponierer
 
Diese Rolle kann für das Gruppengeschehen nutzbringend und sehr anregend sein; anderes gilt für die Rolle derjenigen, die aus Prinzip gegen alles sind, die sich durch laufende Kritik profilieren wollen.
 
Diese Studierenden bindet man am besten in den Gesprächsverlauf und die Erklärungsprozesse mit ein. Hilfreich kann auch die Bitte sein, Vorschläge für Änderungen zu formulieren.

Lehrende: In diesem Zusammenhang könnten Sie vielleicht einen Lösungsansatz vorschlagen...
 
 
Schweiger
 
Bei zu schüchternem Verhalten einzelner oder mehrerer Studierender.
 
Unterstützung und Förderung durch den Moderator z.B. durch Blickkontakt oder die Ermunterung, einen Beitrag zu liefern (hilfreich zur Seite stehen).

Lehrende: Bitte trauen Sie sich ruhig – auch unvollständige Antworten sind willkommen.

Nach vorausgehender Partnerarbeit könnten die Studierenden auch zu zweit nach vorn gebeten werden (Möglichkeit zur Vorbereitung und gemeinsamen Präsentation senkt die Hemmschwelle).
 
 
Lange Dialoge

Längere Dialoge zwischen zwei sehr aktiven Studierenden können zwar für eine gewisse Zeit reizvoll und
amüsant sein, aber dann?
 
 
Unterbrechung nach einer gewissen Zeit ist notwendig.

Lehrende: Ich denke, wir sollten die anderen auch aktiv an der Diskussion beteiligen. Deshalb schlage ich nun vor...

 
Ermüdung

Äußere Faktoren, die zu Ermüdungserscheinungen führen können: bereits langer Vorlesungstag, verbrauchte Luft, zu wenig Pausen, eintönige Referate, starre Arbeitsformen etc.
 
Die Wahrheit der Situation ansprechen.

Lehrende: Ich habe das Gefühl, bei Ihnen ist momentan die Luft raus.

Unterbrechen der Veranstaltung, ausreichende Lüftung, Neugestalten der Sitzordnung (Bewegungsaspekt), stellen Sie Zwischenfragen und regen Sie zu neuen Tätigkeiten an.

Humorvolle Anfrage: Kennt jemand von Ihnen eine Übung zur körperlichen Auffrischung?
(Sonst eventuell selbst eine Übung vorschlagen und vormachen.)

 
Zögerliche, unklare Beiträge

Die Rückmeldungen aus den Reihen Ihrer Studierenden sind aus Ihrer
Sicht unzureichend oder wenig präzise.
 
Versuchen Sie durch geschickt gestellte Fragen eine Diskussion in Gang zu bringen.

Lehrende:
Was meinen Sie genau mit...?
Können Sie das noch etwas genauer beschreiben?
Welches konkrete Beispiel gibt es dafür?

 
Undiszipliniertes Durcheinanderreden

Alle wollen gleichzeitig sprechen, gerade bei einer produktiven und lebhaften Arbeitsatmosphäre.
 
Bringen Sie durch Zuordnen und Sichern der Wortmeldungen Ordnung in die Diskussion, z.B. durch folgende Anweisungen:

Lehrende:
Jetzt habe ich den Überblick verloren – bitte geben Sie noch einmal die Handzeichen für Wortmeldungen!

Erst Herr X, dann Frau Y und dann...!

Ich erinnere an die Spielregel „Ausreden lassen“!

Die produktive Unruhe in eine Gruppenarbeitsphase münden lassen.
 
 
"Schleichen um den heißen Brei"

Beispielsweise, wenn sich die Studierendengruppe (etwa im Zusammenhang mit zu erbringenden Gruppenleistungen) vor einem bestimmten Thema oder vor konkreten Entscheidungen drückt.

 
Den Studierenden durch Ihre Fragen bewusst machen, dass die Gruppe ein Thema scheut. Oft wird dann die "Blockade" aufgegeben.

Lehrende: Ich habe den Eindruck, wir reden nicht über den eigentlichen Kern der Sache. Im Grunde geht es um folgende Frage: ...
 
Unübersichtlichkeit

Themen, die in Hochschulveranstaltungen besprochen werden, sind bisweilen sehr komplex. Kein Wunder also, dass es nicht immer klar ist, was noch zum Thema gehört und was nicht.
 
Greifen Sie in diesen Fällen früh genug ein, indem Sie das Problem ansprechen. Die Klärung, was dazugehört und was nicht, kann die Studierenden oft auch in der Sache weiterbringen.

Lehrende:
Stopp! Bevor wir den Überblick verlieren, sollten wir die wichtigsten Ergebnisse der bisherigen Diskussion zusammenfassen.

Wo stehen wir?

Ich glaube, wir diskutieren gleichzeitig zwei verschiedene Fragen: ...

Lassen Sie uns einen „Problemspeicher“ aufmachen. Wir werden später auf diese Punkte zurückkommen. (Hinweis: es wirklich tun und nicht vergessen!)

 
Laut und unsachlich

Moderationssituationen im Lehr-Lern-Prozess können dazu führen, dass Konflikte in der Gruppe und/oder zum Lehrenden auftreten.
 
Führen Sie das Gespräch auf eine sachliche Ebene zurück.

Lehrende:
Moment, wir sollten jetzt einmal kurz innehalten und darüber reden, wie wir hier miteinander umgehen.

Wie empfinden Sie unseren derzeitigen Umgangston?

Mir fällt auf, dass Sie einander zunehmend ins Wort fallen – entspricht das unseren Regeln? (sofern explizit aufgestellt!)

 
Die Zeit läuft davon

Durch eine ausgedehnte Diskussion kommen Sie allmählich in Zeitnot...
 
In Abhängigkeit vom Grund für diese Situation können Sie entweder versuchen, die Diskussion zu beschleunigen, oder den Zeitplan gemeinsam mit den Studierenden den neuen Erfordernissen anzupassen.

Lehrende: Nach dem Zeitplan sollten wir diesen Punkt jetzt abhaken: Gibt es noch wesentliche Anmerkungen zum Thema?

 
Verdeckte Konflikte

Erkennbare Anzeichen (Beispiele):
– Heftigkeit der Argumentation
– kein Engagement
– Seitenbeschäftigungen
– "Mauern"
 
Stimmung, Ursachen aufklären durch visualisiertes Abfragen (z.B. Blitzlicht, Kartenabfrage, Zurufabfrage).

Lehrende:
Wie zufrieden bin ich mit dem bisherigen Verlauf?
Was stört mich?
Was möchte ich jetzt?

- Gruppe fragen, was sie vorschlägt
- Weiteres Vorgehen besprechen
- Kontrakt darüber herstellen
- Weiterarbeit gemäß
  Gruppenbeschluss

 
Offener Konflikt

Direkt erkennbar
 
Sofort, entscheidend und direktiv eingreifen!

Jeder Beteiligte schildert die Situation aus seiner Perspektive (nicht unterbrechen, nicht kommentieren, nicht bewerten).

Erst wenn alle Kontrahenten ihre Wünsche geäußert haben, dann in Diskussion eintreten.

Kompromiss aushandeln, sorgfältig nachfragen, ob das o.k. ist und akzeptiert wird

Kontrakt herstellen und gemäß Kontrakt weiter verfahren

 
Teilnehmer verhalten sich störend

Arbeitsbeeinträchtigung und ungünstige Arbeitsbeeinflussung der Gruppe durch unangemessenes Verhalten einzelner Studierender (Stimmungsumschwung).
 
Sie sollten klar machen, dass Sie sich gestört fühlen (Ich-Botschaft oder körpersprachliche Signale aussenden).

Beispiel: Eigene Rede unterbrechen, den oder die "Störer" kommentarlos anlächeln und ruhig warten, bis die Störung, z.B. ein Nebengespräch, beendet ist. Dann die Rede wieder aufnehmen und einfach weitermachen.

Falls dies die Situation nicht klärt, sollten Sie gezielt und deutlich Rückmeldung geben:

1. Störung klar ansprechen.
Ich habe im Moment ein Problem.

2. Genau sagen, was stört.
Herr X und Frau Y, seit mehreren Minuten sind Sie in ein intensives Gespräch vertieft.

3. Genau sagen, welche Folgen Sie für sich und die Gruppe sehen.
Das beeinträchtigt mich in meiner Konzentration, und Sie fallen für die Gruppe aus.

4. Situation klären.
Was beschäftigt Sie so sehr – ist es für unsere Arbeit wichtig?

5. Bitte oder Wunsch äußern, Angebot oder Vorschlag machen.
Bitte unterbrechen Sie Ihr Gespräch und machen Sie wieder mit.

6. Klare Vereinbarung treffen.
Sind Sie damit einverstanden?

7. Weitermachen.
Danke. Zurück zur Frage nach den Problemursachen...

Falls es zu keiner Einigung kommt, bleibt die Veranstaltung unterbrochen, bis eine Lösung gefunden wurde. Wenn Sie als Lehrender unterbrechen und eine Störung klar ansprechen, muss auch eine Lösung dafür gefunden werden, bevor die Arbeit weitergeht. Sonst besteht zum einen die Gefahr, dass der Eindruck entsteht, massive Störungen würden toleriert. Zum anderen tauchen ungelöste Schwierigkeiten erfahrungsgemäß früher oder später wieder auf.

 
Quellen: Edmüller, Andreas; Wilhelm, Thomas 2003 sowie Eigler, Gunther et al. 1998.